EICTP Expert Paper: Die IS-Kommunikation zum Terroranschlag in Wien

Kurz nach dem Terroranschlag am 2.November 2020 in Wien zirkulierten Fotos und Videos von Augenzeugen in den sozialen Medien. Sympathisanten des Islamischen Staates (IS) machten sich die Verfügbarkeit solchen Materials zu Nutze und setzten dessen Weiterverbreitung in den arabischsprachigen Kommunikationskanälen des IS, wie etwa auf der Plattform Telegram, fort. Dem typischen Modus Operandi der IS-Propaganda folgend, wurden Nachrichtenberichte und multimediale Inhalte schnell adaptiert, professional aufbereitet und in den entsprechenden Kanälen verbreitet, um die gewalttätige Agenda des IS zu fördern.

Dieser Artikel untersucht die Kommunikation innerhalb von IS-Netzwerken wie auch in anderen IS-nahen Medien zum Zeitpunkt des Terroranschlags am 2.November 2020 wie auch danach. Er bietet einen Überblick über die vom IS verwendeten Kommunikationskanäle wie auch eine Analyse des arabischsprachigen Inhalts zum Terroranschlag in Wien. Indem diese Analyse mit einer Untersuchung der Aneignung von theologischen Argumenten in dschihadistischer Literatur wie auch mit einer Netzwerkanalyse verbunden wird, wird ein weitreichender Überblick über die strategische Kommunikation und ihre Ausprägung in den sozialen Medien gegeben.

Der IS hat einen professionellen Propagandaapparat mit weitreichenden Social Media wie auch klassischen Medienaktivitäten, wie etwa die Amaq News Agency. Diese Propagandamaschinerie beinhaltet die Produktion eigener multimedialer Produkte, die schnell auf Terroranschläge auf der ganzen Welt reagieren. In ähnlicher Weise wird das Video des Attentäters in Wien schnell adaptiert, um ihn als glorifizierten Märtyrer darzustellen und Österreich aufgrund dessen Teilnahme an der internationalen Anti-IS-Koalition als legitimes Ziel darzustellen.

Die verschiedenen Kommunikationsstadien können in 4 unterschiedliche Phase aufgeteilt werden:

1) 1) Open Source Intelligence auf Telegram.

2) Hinzufügen eines IS-Nasheed zum Video, das die Ermordung einer Frau durch den Attentäter zeigt.

3) Adaption bereits existierender multimedialer Inhalte und Hinzufügen theologischer Referenzen.

4) Die IS-Medienmaschinerie springt an mit selbstproduzierten multimedialen Produkten und theologischen Referenzen.

Um die Kommunikation dschihadistischer Netzwerke besser zu verstehen ist es essenziell, die Ideologie des gewaltsamen Dschihad wie auch die Aneignung islamisch-theologischer Argumente in dieser Hinsicht zu untersuchen. Moderne dschihadistische Kommunikationsnetzwerke verbreiten höchst intellektuelle theologische Schriften gemeinsam mit einer Vielzahl an Bildern und Videos. Die Verwendung klarer visueller Codes für ihre Multimediapropaganda erleichtert es, mithilfe theologischer Referenzen ihr Wertesystem und ihre Theologie der Gewalt zu verbreiten. Dank einer online leicht verfügbaren Masse and salafistisch-dschihadistischer Literatur können diese Argumente durch Terroristen angeeignet werden, um ihre Gewalt theologisch zu legitimieren.

Da Musliminnen und Muslime auf der ganzen Welt (und nicht allein in Österreich) das Hauptziel dieser Propaganda sind, sollten diese besonders davor geschützt werden. Denn für die meisten Muslime hat ein derartiges theologisches Verständnis keinerlei Gültigkeit, weshalb Dschihadisten sie auch als Apostaten deklarieren. Zugleich werden Musliminnen und Muslime in Europa und Österreich oft zum Ziel von Repression und Hassrede, die den Islam selbst als Gefahr darstellt. Eine akribische Studie dschihadistischer Propaganda, arabischer Schriften wie auch deren Übersetzung in andere Sprachen ist dementsprechend unabdingbar, um den theologisch problematischen Inhalt klar zu identifizieren und sowohl militärischen als auch nicht-militärischen Bedrohungen vehement entgegenzutreten.